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Schulgeschichte "Alte Schule"

Das dritte Zernsdorfer Schulgebäude - die "Alte Schule"

Die "Alte Schule", heute

Die Zernsdorfer "Alte Schule"

Wenn man aus Königs Wusterhausen kommend, die Karl-Marx-Straße entlang geht oder fährt, wird das auf der nördlichen Straßenseite gelegene große gelbe Haus aufgrund seiner Architektur auffallen.
Es ist die in Zernsdorf so genannte "Alte Schule", die sich auf dem Grundstück Karl-Marx-Straße Nr. 35 (bis 1939 Breitestraße 91-92)befindet. Als "Alte Schule" ist sie aber nicht der erste, sondern schon bereits der dritte Standort einer Schule in Zernsdorf.

Die erste kleine Dorfschule befand sich im Bereich der Straße "Vorderkietz".
Das zweite Schulgebäude steht heute noch direkt auf der Friedensaue (bis 1951 Dorfaue) - hier in der Friedensaue 19 hatte die Wohnungsbaugesellschaft "Unteres Dahmeland“ mbH ihren Sitz.
Beide Schulgebäude und die noch folgenden werden später auf gesonderten Seiten beschrieben.

Um 1900 gingen die Zernsdorfer Kinder im Zentrum des Dorfes, der Dorfaue, zur Schule. Die Verbesserung der Verkehrswege, Bau der Chaussee von Neue Mühle nach Zernsdorf (1888) und der Bau der Eisenbahnlinie Königs‑Wusterhausen‑Grunow zehn Jahre später, führten zu Gründungen von einigen Industriebetrieben. Viele Menschen zogen daraufhin nach Zernsdorf, weil sie hier Arbeit fanden. Und damit steigende Schülerzahlen ließen die Klassen immer größer werden. Erst dachte man über einen Umbau des vorhandenen Schulgebäudes nach; aber schließlich entschloss man sich zu einem Schulneubau an einer anderen Stelle, die man auf einem kommunalen Grundstück an der Chaussee nach Königs‑Wusterhausen fand.

Im Teltower Kreiskalender von 1910 veröffentlichte der aus Berlin stammende und seit 1899 in Zernsdorf lebende Bildhauer Siegfried Schellbach den Beitrag "Das Schulhaus in Zernsdorf".
Darin heißt es: "Erst im 19. Jahrhundert schenkte man den gesundheitlichen Nachteilen, die der lernenden Jugend aus den unzweckmäßigen Einrichtungen der Schulhäuser erwuchsen, mehr Aufmerksamkeit und begann mit dem Bau von Häuser, die besser für Schulzwecke geeignet waren. Auf dem Land verließ man dabei leider gänzlich die alte Tradition und errichtete ohne Rücksicht auf die Umgebung und die örtliche Bauweise in den Dörfern Schulen..., ...die durch armselige Nüchternheit auffielen. So finden wir in einer ganzen Reihe von Dörfern ... Schulen, die in der Dürftigkeit ihres ungeputzten Rohziegelbaus mehr nach Strafanstalten als nach Bildungsstätten für die Jugend aussehen."

Albert Gessner

Weiter ist zu lesen, dass der Berliner Architekt Albert Gessner, bekannt durch revolutionierende Erneuerungen im Mietwohnungsbau, hier in Zernsdorf eine rühmliche Ausnahme der oben beschriebenen Gemeindeschulen entwarf.

Straßenansicht

Auf einem 3.500 m² großen gemeindeeigenen Grundstück entstand eine moderne Gemeindeschule - ein völlig neuer Typ des dörflichen Schulhausbau, der von Funktionalität und Architektur geprägt wurde.
Das Gebäude gliedert sich in ein dreistöckiges Haupthaus mit einem eingeschossigen Anbau auf der westlichen Seite.
Hier war die Wohnung des (Haupt-) Lehrers.

Um 1900 war unter Hauptlehrer der Direktor einer Volksschule zu verstehen.

Diese bestand aus 3 Zimmern, Speisekammer, Waschküche und Abort. Sie hatte einen separaten Zugang von der rückwärtigen Hofseite und zur Straßenseite einen Vorgarten. Dieser Gebäudeteil ist unterkellert. Die Kellerräume wurden als Kohlen-, Wirtschafts- und Vorratskeller genutzt. Unter dem Dach befanden sich Trockenböden und, wie in den ländlichen Wohnhäusern allgemein üblich, eine Räucherkammer.
Schulhaus Grundriss

Durch einen Vorder- und einen Hintereingang des östlichen Hauptgebäudes gelangte man über einen Flur in den Klassenraum des Erdgeschosses. Drei große Fenster ließen Licht und Luft in den 6,5 x 8,6 m großen und 4,0 m hohen Klassenraum. Vom Flur gelangte man über eine massive Treppe in die erste Etage. Hier befand sich ein zweiter Klassenraum, dem im Erdgeschoss gelegenen gleich groß. Vom ersten Geschoss gelangte man dann über eine abgeschlossene Holztreppe zum Dachgeschoss, der Wohnung des Hilfslehrers. Ein Vorflur führte in einen Raum mit zwei Fenstern. Das Abortgebäude der SchuleAn der rechten Seite des Grundstückes waren in einem separaten, unterkellerten und mit einem Säulenumgang versehenen Ge­bäude die Aborte („Plumpsklo“: Toiletten ohne Wasserspülung) für die Schüler und Lehrer untergebracht.
Alle Gebäude bestehen aus gebrannten Ziegeln, der Putz bekam einen “kräftig gelben” Farbanstrich - so wie er sich nach einer Erneuerung auch heute noch zeigt. Die Sockel sind aus Rüdersdorfer Kalkstein. Alle Fenster waren weiß und die Fensterläden schwarz-grün gestrichen. Die am Haus befindlichen Holzspaliere, die Zäune und die Vorlauben trugen eine grüne Farbe.

Der "Schuljunge"

Rechts neben dem Haupteingang befindet sich noch heute eine aus Kalkstein herausgearbeitete Figur. Sie stellt einen bäuerlichen Schuljungen dar. Barfüßig trägt er einen Stapel Bücher unter dem rechten Arm. Auch über den Türen, an den Decken und Wänden der Klassenräume und in den Türfüllungen der Außentüren befanden sich figürliche und ornamentale Schmuckelemente.

Die Fußböden der Flure, der Wohn- und Klassenräume waren mit grünem Linoleum ausgelegt. Der Küchenfußboden hatte rote sechseckige Fliesen. Alle Räume wurden durch weiße Kachelöfen beheizt; die der Klassenräume befeuerte man vom Flur aus.

Lageplan

Eine spätere Erweiterung des Schulgebäudes war im Bereich des Treppenhauses zum Ober­geschoss an der Schulhofseite vorgesehen gewesen.
Wann Albert Gessner den Auftrag zum Projekt der Zerns­dorfer Schule erhielt, konnte noch nicht ermittelt werden. Aber vom 21. September 1908 liegt eine Quittung Gessners über den Erhalt von 1000 Mark als Honorar für den Schulhaus­neubau, ausgestellt für die Gemeindevertretung zu Zerns­dorf, vor. Die Restzahlung des Honorars von 425,80 Mark erfolgte im September 1909.
Der Entwurf der Sandstein­plastik des Schuljungen am Haupt­eingang des Schulhauses (Straßenseite) stammte von „Adolf Paul Schmidt - Atelier für decorative Kunst“ aus Berlin. Wer allerdings die Steinmetz­arbeit nach dem Entwurf dann ausführte, ist offen. Es kann vermutet werden, dass es ein Steinmetz aus der Region war, denn damals führten die Handwerksbetriebe der näheren Umgebung alle Bauarbeiten aus. So beteiligten sich auch die Zernsdorfer Unternehmer am Schulneubau: u.a. Maurer Fritz Bienge, Tischlermeister Paul Paulick (die Höhe der Abschlagsrechnung von 600 Mark für die Tischlerarbeiten lässt darauf schließen, dass auch sämtliche Holzpaneele der Klassenzimmer und die Einbauschränke aus seiner Werkstatt stammten). Der Schlossermeister Hermann Zorn aus Königs Wusterhausen, Berlinerstrasse 7, führte für 300 Mark die Metallarbeiten aus - nähere Angaben liegen auf dieser Rechnung nicht vor. Der ganze Schulneubau kostete 36.088,40 Mark und wurde um 200 Mark billiger als in der Planung vorgesehen.

"…Wie mannigfaltigen Aufgaben Gessner gerecht zu werden weiss, obwohl er seine Eigenart immer zu wahren versteht, das ersieht man auch aus dem kleinen Schulhaus in Zernsdorf, in dem er ganz passend für die stillen, intimen Reize der Mark eine kleine, aparte Schöpfung hingesetzt hat, einfach, schlicht und doch belebt. Mit seiner gelblichen Tönung, den hellen Fensterkreuzen und -Läden, dem Spaliergestell, der Tür, dem einfachen Zaun wirkt es ganz sachgemäss und schmucklos und hat doch als Ganzes eine durchdachte, durchempfundene Schönheit, die es als Muster für eine Dorfschule erscheinen lässt…"

Die Hofansicht des Schulgebäudes

Die Hofansicht des Schulgebäudes um 1910
(Das der Schule gegenüberliegende Terrain bis zum Ufer des Krüpelsees ist noch völlig unbebaut!)


(Moderne Bauformen, Monatshefte für Architektur und Raumkunst, Herausgeber: Dr. C. H. Bär, Verlag Julius Hoffmann, Stuttgart, 1911, Heft 4, S. 161-192: Ernst Schur „Albert Gessner”  - darin auf den Seiten 180-182 -  Schulbilder und Lagepläne des Schulhauses in Zernsdorf)

Albert Gessner galt als Reformator des städtischen Mietwohnungsbaus: Er sah die besondere Aufgabe des Architekten darin, zwischen ökonomischen Bedingungen, behördlichen Forderungen und den Bedürfnissen der Mieter zu vermitteln. So entstanden vor allen Dingen in Berlin zahlreiche Wohnbauten und Wohnanlagen eines neuartigen Typs. Fast alle dieser Gebäude und Wohnanlagen, die den Zweiten Weltkrieg überdauerten, stehen heute wegen ihrer Einmaligkeit und Komplexität unter Denkmalschutz.

Bis um 1956 wurde das Gebäude als Schule und danach bis 2000 als Kindergarten "Zernsdorfer Rübchen" genutzt. Seit 2001 befindet sich die Immobilie in privaten Händen - als Wohnhaus und als Verkaufstelle für Pflanzen.


(Bearbeitungsstand: 29. September 2015)