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Gaststätte "Spiegel"

Gaststätte Spiegel

Zernsdorf, Karl-Marx-Straße 106

Das Restaurant „Spiegel“ in Zernsdorf konnte man nicht unbedingt zu den in vielen Dörfern typischen Landgasthöfen zählen. Als eine von den ehemals zahlreichen Zernsdorfer Gaststätten war sie relativ "jung" und befand sich nicht im Zentrum des Ortes, sondern kurz nach 1900 außerhalb der Siedlungsgrenzen  - auf der Hälfte des Weges zwischen der Schleuse Neue Mühle und dem Ort Zernsdorf. Als Ausflugsgaststätte wird sie das Ziel vieler Wanderer, Radsportler und Motorisierter gewesen sein.

Aber knapp 100 Jahre ununterbrochener Gaststättenbetrieb und die Schönheit des alten Hauses - heute renoviert und dennoch noch fast im Originalzustand - sind es wert, es an dieser Stelle zu erwähnen.

Das Resataurant "Spiegel" auf einer Postkarte von 1909 (Ausschnitt)Das Restaurant "Spiegel" auf einer Postkarte von 1909 (Ausschnitt)

Der Gaststättenname „Spiegel“ - einfach und prägnant - hatte nichts mit einem Glasspiegel zu tun, sondern die Zernsdorfer Familie Spiegel war der Namensgeber. Die Spiegels waren eine der Zernsdorfer Kossäthen; sie hatten ihre Hofstelle an der Aue 1 und Grundbesitz in der Gemeinde.

Der Lehngutsbesitzer Friedrich Ferdinand Spiegel (1833-1914) hatte drei Söhne: Ernst (1874-1956) führte später die Hofstelle seines Vaters als Landwirt weiter; Arthur besaß als Architekt und Zimmerermeister ein Baugeschäft in der Hobrechtstraße 57 in Rixdorf (heute Berlin-Neuköln) und Waldemar (1873-1945) wurde Eigentümer und Gastwirt des Restaurants „Spiegel“. Er wohnte mit seiner Familie über den Gasträumen in der Breiten Straße 37 - so lautete bis 1939 die heutige Adresse.

Auf dem Reißbrett des Arthur Spiegel entstand 1908 die „Zeichnung zu einem Landhauses in Zernsdorf bei Königswusterhausen, Herrn Waldemar Spiegel, daselbst wohnhaft, gehörig“. Als handschriftliche Notiz wurde beigefügt: „Zum Conzessionsgesuch des Herrn Waldemar Spiegel“. Das vollunterkellerte Landhaus war also von Anfang an als Restaurant konzipiert und hatte im Erdgeschoss zwei Gaststuben, eine weitere Stube, eine Kammer und die Küche. Im Oberschoss war der Wohnbereich: Anfänglich gab es hier zwei Wohnungen, da der Plan hier zwei Küchen aufweist.

Ausschnitt einer Ansichtskarte vvon 1911(Bitte auf die Postkarte von 1911 klicken für die Gesamtansicht)

Über die Toiletten für die Gäste schweigt sich der Bauplan allerdings aus, sie waren als "Abseite" bis 1972 ein besseres Provisorium. Erst dann wurden sie im Anbau an der östliche Hausseite nach den hygienischen Vorschriften für einen Gaststättenbetriebs ausgeführt.
Der Ausschnitt einer Ansichtskarte von 1911 zeigt, dass straßenseitig über dem dreiteiligen Gaststubenfenster ein großer Balkon war.
Das genaue Datum der Eröffnung der Gaststätte ließ sich bis jetzt noch nicht ermitteln, dürfte zu Beginn des Jahres 1909 liegen.

1927 - Annonce in der Königswusterhausener Zeitung

Annonce von 1927

In dem Vermieterverzeichnis des Verkehrsvereins Zernsdorf von 1938 ist das Restaurant „Spiegel“ auch genannt: Zwei Doppelbettzimmer konnte man für 3 RM pro Tag, wohl besser pro Nacht, oder für 10 RM pro Woche bei Vollpension mieten.

Stempel der Konsum-Gaststätte "Spiegel

Konsumgasstätte "Spiegel

Die Gaststätte war bis Ende 1969 / Anfang 1970 ein reiner Privatbetrieb. Danach wurde die Gaststätte ein "Konsum-Kommissions-betrieb" mit verschiedenen Inhabern. Vielen ehemaligen Gästen werden die „Spiegelwirtin“ Ingeborg Bleck und ihr Mann Horst, Enkel von Waldemar Spiegel, als freundliche Wirtsleute in Erinnerung geblieben sein. Im Volksmund wurde deshalb die Gaststätte liebevoll „Zur blonden Inge“ genannt. Viele Zernsdorfer waren hier Stammgäste, Arbeitskollektive Zernsdorfer Betriebe feierten hier besonders gern ihre Brigadefeste. Und obwohl es dabei ziemlich eng zuging, fanden hier auch zahlreiche Tanzveranstaltungen statt. Im Raum vor der Theke wurden dazu die Tische und Stühle einfach beiseite gerückt. Bis Frühjahr 1982 verwöhnten sie ihre Gäste.

Danach wurde sie durch die Pächter Klossack und Kotzte weitergeführt und schließlich verkauft. Das Freizeitverhalten hatte sich nach der politischen Wende 1989 grundsätzlich geändert - die Schar der Gäste wurde allmählich immer kleiner und der Gaststättenbetrieb war letztlich nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Werbung zur "OSSI-Party"Der letzte "Spiegel-Wirt" Jambor erreichte mit seinen OSSI-Parties ein spezielles Publikum, aber am Ende blieben die Stammgäste aus und Mittagessen gab es auch an den Wochenenden nicht mehr. Es wurde erst ab Nachmittag "aufgemacht" - zum leisen Bedauern einiger Stammgäste des Sonntags-Frühschoppens, der nun ja auch ausfallen musste.  Der Eigentümer schloss am 30. November 2005 die Gaststätte „Spiegel“; so verschwand ein ehemals geselliger Ort ohne dass es jemand so richtig auffiel. So kurz vor dem „Hundertsten“ wurde im Restaurant „Spiegel“ kein Bierfass mehr angestochen, das Herdfeuer gelöscht und lange Zeit verkündet eine Blechschildchen an einer Kette, ehemals die Ruhetage anzeigend: „Heute geschlossen“.
Seit dem 1. März 2007 befandt sich am Zaun vor dem Haus eine Verkaufsofferte. Eine Gaststätte in diesem Haus? - Es war wohl ein vermessener Wunsch, der sich schließlich auch nicht erfüllte.

2007 - "Spiegel" zu verkaufen2007: Karl-Marx-Straße 106 steht zum Verkauf

Im September 2007 wurde das Angebotsschild am Zaun entfernt. Die neuen Eigentümer bauten das Haus zum Wohnhaus um. Erfreulich ist, dass der Charme des alten Baustils dabei weitgehend erhalten blieb.

2010: Altes Haus - Im neuen Glanz2010: Altes Haus im neuen Glanz

(Bearbeitungsstand: 31.05.2011)