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Aus der Chronik

Wie aus "Czernestorpp" Zernsdorf wurde

 

Archäologische Funde um Zernsdorf herum lassen auf eine regelmäßige Besiedlung der Region schon von der Steinzeit an schließen. Direkt in der Ortslage Zernsdorf hat man jedoch keine Siedlungsspuren aus dieser frühen Zeit nachweisen können. Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts belegen Keramikfunde auf einem Grundstück zwischen den Straßen „Vorder- und Hinterkietz” die Besiedlung in der frühdeutschen Zeit des 12. Jahrhunderts.
Wichtig für den Historiker ist die erstmalige Nennung eines Ortes in einer Urkunde. Und diese „Geburtsurkunde” für Zernsdorf ist im Landbuch des Kaisers Karl IV. zu finden.Bildnis - Kaiser Karl IV. Er hatte dem Wittelsbacher Markgrafen Otto dem Faulen für 500.000 Goldgulden die Mark Brandenburg abgekauft. Auf der Grundlage des in Fürstenwalde am 18.8.1373 geschlossenen Vertrages gab Karl IV. zwei Jahre später das „Landbuch” in Auftrag. Darin wurden sämtliche Städte, Dörfer, Burgen, Klöster und Bistümer der Mark Brandenburg nach einem bestimmten Fragekatalog erfasst. Dieses Landbuch diente als Unterlage für eine geordnete Landesverwaltung.
In ihm wurde 1375 mit genau 192 Städten, Dörfern und Ortsteilen von Berlin auch die kleine Ansiedlung „Czernestorf” erwähnt. Der Name scheint auf eine frühe slawische Besiedlung hinzuweisen, da die Wurzel des Namens „czerny” slawischen Ursprungs ist und „schwarz” bedeutet.
Im Landbuch ist zu finden: „Czernestorf hat 10 Hufen (Hufe - ist ein mittelalterliches Flächenmaß), jede gibt 4 Scheffel Roggen und 2 Schillinge Pfennige (Steuerliche Abgaben). Es sind daselbst 3 Seen: der eine, Lanke (Zernsdorfer Lankensee) genannt, gehört den Mönchen in Doberluch (Kloster Doberlug), die andern, Crupe und Ukle (Krüpel- und Ukleisee) genannt, gehören dem Herrn von Strehl (Burgherr in Storkow).”
Aufgrund der geringen Bedeutung der Ansiedlung waren nur die Ortsgröße und die Steuerpflicht für die Verfasser des Landbuches wichtig, über die gutsherrlichen Rechte, das Gericht und das Patronatsrecht wurde nichts ausgesagt. Da das Landbuch in der damaligen Zeit durch Abschriften kopiert wurde, sind weitere Namensnennungen für Zernsdorf in jener Zeit: Czernestorpp und Czernestorff.
Die Dorfform war ein Rund- oder Sackgassendorf, die ursprüngliche Dorflage war an der Stelle, wo sich heute die Straßen „Vorder- und Hinter-Kietz“ befinden. Die Straßennamen „Kietz” deuten auf eine alte Besiedlung dieses Areals hin. Auch die Straßennamen „Alte Trift” und „Triftstraße” sind ein Zeugnisse aus dieser Zeit. Über diese Wege wurden die Tiere auf die Weiden, die außerhalb der Siedlung lagen, getrieben.

Die kleine Ansiedlung gehörte anfangs gemeinsam mit Neue Mühle und Niederlöhme (Niederlehme) zum Besitz des Schlosses Wusterhausen und als um 1500 die Schenken von Landsberg das Wusterhausener Schloss und die dazugehörigen Ländereien erwerben, war Czernestorf über eine lange Zeit der Herrschaft Teupitz (Schenkenländchen) zugehörig.

Im Schoßkataster, dem Steuer- und Abgabenregister, des Jahres 1624 waren in Zerensdorf, so der Ortsname seit 1598, acht Bauern, aber keine Kossäten und weitere 64 „Seelen” erfasst.
Die Bauern verfügten über eigenen Grundbesitz, Hufen. Deshalb werden sie in Urkunden oft auch als Hüfner bezeichnet. Die Kossäten waren Bauern, die kein eigenes Land besaßen, sondern nur gepachtetes Land bewirtschafteten und darüber an den Grundherren und die Bauern Abgaben zu entrichten hatten. Oft findet man für sie auch die Bezeichnungen Kätner oder Büdner, als für diejenigen die in einem kleinem Bauernhäuschen, der Kate oder Bude, lebten.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648), obwohl in der näheren Umgebung keine erwähnenswerten Schlachten geschlagen wurden, und die in Europa grassierende Pest gingen auch an Zernsdorf nicht spurlos vorüber.
1648 lagen von den ehemals 8 Bauernhöfen nun fünf verlassen und wüst darnieder, „nur die Bauern Gregor Schultze, Gürge Petenick und Paul Noack hatten sich im Besitz behaupten können”, heißt es. Fünf Jahre später wurden zwei Bauernhöfe „durch Personen von außerhalb besetzt: es waren dies Jonas Fiedler von Fredersdorf und Martin Schulze, ein gewesener schwedischer Soldat.”

Zerensdorf, und nicht zuverwechseln mit dem gleichnamigen Ort bei Wünsdorf/Zossen, kam als Teil der Herrschaft Teupitz 1717 durch Kauf in den Besitz von König Friedrich Wilhelm I. und um 1775 wurde erstmalig der heute noch gültige Ortsname Zernsdorf genannt.

Es dauerte über zweihundert Jahre, dass Zernsdorf endlich wieder acht Bauernhöfe hatte. Aber welche Bedeutung die Landwirtschaft und die daraus erzielten Gewinne hatten, lässt sich daran ermessen, dass die Steuerleistungen des Ortes die geringfügigsten unter den Dörfern der gesamten Herrschaft Wusterhausen-Teupitz war, nämlich knapp 23 Taler im Jahr. Diese „Dürftigkeit” der Einwohner war sicher auch ein Grund dafür, dass der Ort sich nie eine eigene Kirche leisten konnte. Die Einwohner gingen sonn- und feiertags zur Kirche nach (Königs) Wusterhausen. Der Königs Wusterhausener Straßename „Kirchsteig” erinnert noch heute an jene Zeit.

Ziegelei am Ufer des LankenseesDurch die rege Bautätigkeit in der Stadt Berlin, von Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts wurden immens viele Ziegel gebraucht. Die geologischen Voraussetzungen um Berlin boten den geeigneten Rohstoff (Ton) zur Ziegelherstellung in Hülle und Fülle. Die Erde wurde aufgegraben und die Tonvorkommen abgebaut und unmittelbar bei den Tongruben entstanden unzählige Ziegeleien. Auf Kähnen wurden die produzierten Ziegel auf dem Wasserweg nach Berlin verfrachtet.

Zernsdorfer TonziegelSo entstanden auch in und bei Zernsdorf mehrere Ziegeleien. Und die abenteuerlichen Schluchten am Schmulangs- und am Stugjangsberg, die kleinen Teiche rechts und links der Straße nach Kablow-Ziegelei sind „stumme Zeugen“ aus der Zeit des Tonabbaus. Von der Anlage der Ziegeleien, die bedeutenste lag am Westufer des Lankensees, ist heute oberirdisch nicht mehr viel übrig geblieben. Nur bei Aufgrabungen für den Straßenbau, bei Anlegen von Baugruben kann man in diesem Areal unvermutet auf Mauerreste und Fundamente stoßen. An den ehemaligen Verladestellen sind einige Ziegel auch schon mal ins Wasser gefallen, so dass man heute noch an diesen Stellen auf Ziegelbruchstücke treten kann.

Auf Zernsdorf hatte die Berliner Bautätigkeit jedenfalls einen günstigen Einfluss. Die Akten berichten 1860 über ein Dorf mit einem Abbau (für die Ziegeleien); es gab ein „öffentliches” Haus, 29 Wohnhäuser und 64 Wirtschaftsgebäude. Im Dorfkrug trafen sich die Arbeiter und ihre Familien nach getaner Arbeit und am Wochenende. Drei Schiffseigentümer übernahmen den Transport der Ziegel auf dem Wasserweg.
Die Ziegeleien (mehrere am Lankensee, eine am Krüpelsee) gaben vielen Arbeitern Lohn und Brot; zum Ende des 19. Jahrhunderts lebten schon über 200 Menschen im Ort, die Ziegeleiarbeiter wohnten dabei meist direkt auf dem Ziegeleigelände. 
1870 wurde eine Chaussee vom Königs Wusterhausener Bahnhof nach Senzig angelegt und davon eine Zweigchaussee zur Neuen Mühle. 1880 wurde diese Chaussee hinter der Schleuse Neue Mühle bis nach Niederlehme und nach Zernsdorf weitergeführt. Auch mit dieser verkehrstechnischen Verbesserung blieb Zernsdorf immer noch ein "Sackgassendorf" - die Chaussee endete mitten im Ort.
Erst 1898 mit dem Bau der Eisenbahnlinie Königs Wusterhausen-Grunow wurde die Chaussee parallel zur Eisenbahntrasse (Damm und Brücke über den Lankensee) erst bis nach Cablow (Kablow), schon Landkreis Beeskow-Storkow, verlängert und in Folge über mehrere kleinere Ortschaften bis nach Friedersdorf und weiter ausgebaut.

Die Ziegeleien vergrößerten ihren Betrieb noch bis Ausgang des 19. Jahrhunderts. Nachdem aber dann der Absatz stagnierte, mussten sie nach und nach geschlossen werden. Aber durch die erhebliche Verbesserung der Transportwege wurde der kleine Ort interessant für die Anlage von weiteren Industriebetrieben. Eine Imprägnieranstalt für Holz wurde, damals noch weit außerhalb der Ortslage, gegründet. In Nachbarschaft entstanden eine Teppichfabrik und eine Dachpappenfabrik.

Diese Betriebe brachten Zernsdorf einen wirtschaftlichen Aufschwung. Das bis dahin ländliche Gemeinschaftsleben wurde nun durch die Zernsdorfer Arbeiterschaft entscheidend geprägt. Durch sie wurden zahlreiche Vereine gegründet, so am 28. Juni 1903 der Männerchor „Freie Sänger” Zernsdorf, der 2003 sein 100jähriges Jubiläum feiern konnte.

Die Holzimprägnieranstalt geht ein paar Jahre später an die Königliche Eisenbahn über. Sie wird bis 1995 als „Schwellentränkanlage“ genutzt und dann endgültig geschlossen. Neben den Produktionsgebäuden und mehrgeschossigen Wohnhäusern für die Bahnbeamten und Arbeiter des Schwellenwerkes wurde auch ein Wasserturm gebaut. Dieser steht wegen seiner in der Region einmaligen Architektur seit dem 27. März 2000 als Wahrzeichen Zernsdorfs unter Denkmalschutz. 

In den 20er Jahren wurde der Ort als Naherholungs- und auch als Urlaubsziel entdeckt. Vier Gasthöfe, Bootshäuser mit Übernachtungsmöglichkeiten und Privatzimmer standen für einen Urlaub in der wald- und wasserreichen Umgebung zur Verfügung. Es lebten 1925/26 1045 Einwohner in 248 Haushalten; in der 1910 erbauten Schule unterrichten drei Lehrer über 100 Kinder und ein Arzt kümmerte sich um das Wohl der Zernsdorfer. Außer den schon genannten Industriebetrieben bestanden um 1938 auch 18 Land- und forstwirtschaftliche Betriebe unterschiedlicher Größe.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges 1945 wuchs die Einwohnerzahl hauptsächlich durch den Zuzug von Umsiedlerfamilien aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten auf 2125 Einwohner.

Mitte der 1950er Jahre waren die Zernsdorfer Betriebe, Volkseigener Betrieb (VEB) Likörfabrik Zernsdorf, Deutsche Reichsbahn-Schwellenwerk Zernsdorf, VEB Beton- und Dachstoffwerk und VEB Schuhleisten Arbeitgeber für viele Zernsdorfer, aber auch für Menschen der weiteren Region.

1957 entstand eine Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft (LPG) mit fünf Mitgliedern und 115 ha landwirtschaftliche Nutzfläche.

Seit dem 1. Januar 1965 gehören Kablow-Ziegelei und Uklei als Ortsteile zu Zernsdorf.

Wenn man in den 1970er Jahren von Zernsdorf spricht, dann meint man die zweitgrößte Industriegemeinde der Region: denn zu den bis dahin bestehenden Betrieben kamen noch hinzu: VEB Betonkombinat Potsdam, VEB Möbelkombinat „neuzera”, VEB Getränkekombinat und die Produktionsgenossenschaft (PG) werktätiger Fischer.

In den Jahren nach 1989 setze ein Niedergang der „Industriegeschichte” Zernsdorfs ein. Trotz Bemühungen der Belegschaften der betroffenen Betriebe ließen sich die einzelnen Standorte der Industrie nicht in das neue Technologiezeitalter hinüberführen. Man versuchte jedoch, an die alten Traditionen einer Industriegemeinde anzuknüpfen, und legte sich 1994 ein Gewerbe- und Industriezentrum (GIZ) zu. Widrige Umstände und auch halbherzige Versuche der Vermarktung ließen es lange Zeit brachliegen, obwohl immer wieder Interessenten vorsprachen. Erst 2008 siedelte sich mit der die RuLa GmbH (LKW-Reifen Recycling) die erste Firma an. 2013 sind es bereits (sichtbar) drei Firmen.

Im Zuge der Gemeindegebietsreform wurde Zernsdorf mit dem 26. Oktober 2003 ein Ortsteil von Königs Wusterhausen.

Der Alte Friedhof in der Zernsdorfer Karl-Marx-Straße wurde 2007 „Historischer Friedhof“ und kam 2011 auf die Denkmalliste des Landes Brandenburg.
Auch der Bahnhof Zernsdorf wurde 2014 unter Denkmalschutz gestellt und kam im selben Jahr in Privatbesitz.

Für die Freiwilligen Feuerwehren von Zernsdorf und Kablow wird von 2011 bis 2012 ein gemeinsames Feuerwehrdepot errichtet.

Für die Immobilie „Schwellenwerk“ suchte seit 1996 der Eigentümer Deutsche Bahn Immobiliengesellschft mbH einen geeigneten Investor. Auf der „Industriebrache“ sollte am Ufer des Krüpelsees Wohngebiet mit Mischnutzung (Kleingewerbe & Wohnen) entstehen. 2007 ging sie in Eigentum der „Wohnen am See Zernsdorf GmbH“ über, die das Gelände nach erfolgreicher Beräumung und Bodensanierung (2009), erschließen und parzellieren kann. 2016 sind alle Parzellen verkauft und die meisten bebaut.

Das auf den Territorium liegenden Einkaufszentrum wurde 2011 eingeweiht.
Die vier Häuser der Volkssolidarität Bürgerhilfe e.V. für betreutes Wohnen wurden von 2014-2015 gebaut.
Die Wohnen am See Zernsdorf GmbH erwarb auch das benachbarte Gelände des ehemaligen Betonwerks. Seit Anfang 2016 wird das Areal beräumt.

(Bearbeitungsstand: 21. Februar 2016)